Eine Sommerinsel freiheitlichen Besinnens

von Benjamin, 22 Jahre

Als ich mitten im Sommersemester zwischen zwei Vorlesungen über den Campus meiner Uni flanierte, erfuhr ich bei einem flüchtigen Blick aufs Handy von der Möglichkeit, eine knappe Woche im Brandenburgischen Land unter jungen liberalen Denkern zu verbringen.

 

Obwohl ich das Umfeld der Hayek-Stiftung schon länger verfolgt hatte, hielt ich eine solche Veranstaltung bis dato kaum für möglich. Sechs Tage lang Vorträge und Diskussionen über liberale Ideen aus Politik, Ökonomie und Philosophie, mitten in Brandenburg? Findet sich dafür überhaupt das Personal, sowohl an Dozenten als auch an jungen Menschen, die sich mitten in den Schul- oder Semesterferien freiwillig mit so grundlegenden Dingen beschäftigen? Bislang hätte ich diese Frage mit einem resignierenden Nein beantwortet.

 

Selten war ich für eine Fehleinschätzung dankbarer. Da ich noch keinen Urlaub geplant hatte, schien mir die Veranstaltung sehr gelegen zu kommen. Meine Aufmerksamkeit in der Vorlesung wurde etwas mehr den Veranstaltungsdetails auf der Website der Akademie zuteil als dem über Unternehmertum referierenden Dozenten. Nach Feierabend schrieb ich dann doch vom unternehmerischen Geiste umschwirrt schnell meine Bewerbung fertig, um innerhalb der noch eintägigen Bewerbungsfrist berücksichtigt zu werden. Nach wenigen Wochen kam die Zusage.

 

Zu der Erleichterung, nach einer anstrengenden Anreise endlich am Samstagnachmittag im Seehof Netzen anzukommen, mischte sich nach den ersten Gesprächen und der Vorstellungsrunde eine begierige Vorfreude. Es gab viel zu gewinnen und wenig zu verlieren, denn ohne Zweifel saßen hier so viele erschreckend kluge junge Leute beisammen, dass man sich fragte, wo genau man eigentlich die letzten Jahre verbracht hat.

 

Auf dem herrlichen Gelände des Tagungshotels mit Seeblick breitete sich schnell eine heitere Atmosphäre der schönen Gespräche und ausgelassenen Abendstimmungen aus. Vorträge, Diskussionen und Planspiele am Vor- und Nachmittag zu Themen aus Politik, Ökonomie und Gesellschaft luden zur spontanen Diskussion verschiedenster Themen ein, ob bei Tisch oder zur See. Mindestlohn und Mietendeckel, Sparsamkeit und Staatsverschuldung, Erkenntnistheorie und Argumentationstechnik – kaum eine Facette des theoretischen und praktischen Liberalismus war vor der Neugierde der Teilnehmer sicher. Wo sollten wir auch sonst hin mit all den Fragen, die wir uns zu stellen vielleicht bisher gar nicht imstande fühlten, wenn nicht direkt an die aus dem Nähkästchen plaudernden und uns gegenüber so aufgeschlossenen Dozenten, mit denen wir aufstanden, zu Mittag aßen, diskutierten und abends zur Lagerfeuermusik sangen?

 

Auch unter den Teilnehmern entwickelten sich viele spontane Diskussionen, ganz ohne die moralische Abwehrhaltung, bei der jederzeit die Scheuklappen herunterzuklappen drohen. Ich erzählte, wie es bei meinem Auslandsaufenthalt in China um die Freiheit des Einzelnen bestellt war, ungeachtet dessen, dass ich seitdem Chinesisch lerne; ein anderer berichtete von einer geführten Exkursion nach Nordkorea. Ich schilderte das Diskussionsklima in meinem in weiten Kreisen eher links-grün geprägten Freundeskreis; wieder ein anderer sprach über seine offene Kritik der Laissez-faire-Haltung zu den Fridays-for-Future-Schulzeiteindämmungsbummeleien an seiner Schule, ein weiterer über Fechtkämpfe in der Studentenverbindung. Gründung von liberalen Schülerzeitungen, Erfahrungen in der politischen Verwaltung, Organisation von liberalen Juniorenkreisen – jeder hatte etwas Neues zu erzählen und was man an Erfahrungsschatz teilte, bekam man unverhofft doppelt und dreifach an anderen An- und Einsichten zurück. Die Akademie spannte uns allen ein großes Netz an neu gewonnenen Erkenntnissen, Freundschaften und freudigen Perspektiven auf weitere Treffen aus, für das den Organisatoren, Dozenten und Betreuern nicht genug zu danken ist.

 

Die Freiheit als Idee hat derzeit in Deutschland sicherlich keinen leichten Stand, abgesehen vom beliebigen Einfließen in die Politfloskeln der Vertreter, die dem Freiheitsgedanken eher fern- als nahestehen. Die Sommerakademie der Freiheit hat in mir die Erkenntnis wachsen lassen, dass wir die Begriffe rund um die Freiheit zunächst aufs Neue definieren müssen, um sie auf lange Sicht nicht zu verlieren. Sprechen wir von individueller Freiheit, meinen wir nicht das Recht auf Arbeitsscheu, sondern das Zusammenspiel von Talent, Gestaltungsfreiheit, Kompetenzerwerb und Verantwortung. Sprechen wir von sozialer Marktwirtschaft, meinen wir nicht Substanzsteuern, Zerschlagung oder Enteignung, sondern Anreizmechanismen und Wohlstandsmehrung. Sprechen wir von der Zivilgesellschaft, meinen wir nicht die Ausgrenzung Andersdenkender, sondern den Erhalt der Zivilisation. Am Ende dieser Woche erschienen mir diese Begriffe endlich so wie der Netzener See, wie er schon am ersten Abend vorstellig wurde, als sich das Sonnenlicht senkte und ihn mit wechselnden Rottönen versah: den Horizont in immer neuen Farben spiegelnd, an den Grenzen teils verschwimmend, aber doch für uns alle gut sichtbar und klar.