Ein See in Brandenburg

von Johannes, 25 Jahre


Die Sonne versinkt majestätisch im Westen und färbt die tausend Seen und Flussarme der Havel in ein feuriges Orange. Irgendwo da draußen steigen junge Leute in die Boote, stoßen sich vom Ufer ab oder springen in waghalsigen Sätzen ins Wasser. Sie ziehen ihre Bahnen in das Zentrum des Sees, Bierflaschen werden verteilt, eine Gitarre erklingt. Während in der brandenburgischen Provinz die Gardinen zugezogen werden, erwacht der Netzener See zum Leben. Es sind außergewöhnliche Leute, die bei Kloster Lehnin an der Akademie der Freiheit teilnehmen. Sie kommen aus allen Teilen der Republik, sind Schüler, Studenten, Soldaten, Unternehmensberater und Publizisten. Sie alle sind gekommen, weil die individuellen Umstände sie zu der Frage getrieben hat, was Freiheit im eigentlichen Sinne bedeutet. Freiheit. Dieses Wort ist für sie kein Werbeslogan, sondern die oberste Maxime ihres Handelns. Ihre Vorbilder heißen nicht Lenin, sondern Lafayette, nicht Hegel, sondern Hayek. In den Schulen und Hörsälen haben sie keine Antworten auf die grundsätzlichen Fragen des Lebens bekommen. Dagegen rebellieren sie, aber nicht, indem sie Pflastersteine aus Gehwegen brechen oder Parolen brüllen - sie greifen tief in die Buchregale, lesen, wägen ab, diskutieren, streiten, tauschen sich aus. Tagsüber lauschen sie Vorträgen über Wirtschaft, Geschichte und Philosophie und üben die freie Rede. Denn die stickigen Klassenzimmer und überfüllten Hörsäle haben sie nicht einfach aus Frust hinter sich gelassen, sondern aus Neugierde. Die wird hier, am Netzener See, bedient und vertieft. So vergehen die Tage in Brandenburg wie im Flug. Im Osten hat sich der Mond hinter einem Schleier aus dünnen Wolken erhoben. Die jungen Leute machen sich auf den Rückweg, erklimmen den Steg und vertäuen die Boote. Eine Woche ist vergangen. Noch ein letzer Blick auf den nächtlichen See, der im Mondlicht glitzert. Ein letztes Schulterklopfen, eine letzte Nacht im Hotel. Dann beginnt er wieder, der Alltag. Aber jeder von ihnen spürt die Veränderung. Ihre Wege mögen sich am nächsten Tag trennen, aber die Akademie der Freiheit hat aus 20 jungen Menschen Freunde gemacht. Und man sieht sich immer zweimal im Leben